Bald ist Advent und es ist mir ein Anliegen, noch mehr zu einem Thema zu sagen, über das wir bei unserem letzten Freundestreffen im August gesprochen haben. Dort ging es um den Trend, alle Dinge und alle Menschen verstehen zu wollen. Der Titel hier ist anders, aber er hat damit zu tun: „Verständnis entfesselt!“ Müssen wir es in Betracht ziehen, dass unser Verlangen, alles verstehen zu wollen, eine entfesselte/ungezügelte Kraft wird?
Ich möchte gleich zu Anfang betonen, dass es mir nicht darum geht, eine naive Einfältigkeit zu haben oder das Verstehen zu verachten. Vielmehr ist es ein liebevoller Aufruf, Gottes wunderbare Gabe des Verstehens sowie ihre Geschwister, das Wissen und die Weisheit, zu schätzen, anstatt von einem Götzen „alles verstehen zu müssen“ beherrscht zu werden.
„Verstehen“ ist aufgrund seiner vielfältigen Kontexte und der Unterscheidung zum Wissen schwer zu definieren. Ich versuche es einmal: Verstehen ist der Wunsch, den Grund für Dinge zu begreifen, die Frage zu stellen, warum etwas geschaffen oder getan wurde. Es bedeutet, die Motivation hinter Handlungen zu untersuchen oder das Verhalten und die Spiritualität (oder deren Fehlen) im Leben der Menschen zu interpretieren.
…ist möglicherweise etwas schiefgelaufen?
Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat das Bestreben, menschliches Verhalten zu verstehen, enorm zugenommen. Ausgehend von der antiken Philosophie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts die Psychologie, die sich dann durch verschiedene Schulen der Psychotherapie weiterentwickelte. Diese Disziplinen haben viel Gutes bewirkt und uns, unter anderem, viele Begriffe zur Beschreibung von Problemen im Leben oder Persönlichkeitsstörungen geliefert. Kann diese Entwicklung jedoch zu weit gehen? Wer kann die Gedanken unseres Herzens ergründen?
In Jeremia 17:9 heißt es, dass niemand das Herz eines anderen verstehen kann. Dass „Gott das Herz kennt und die Gedanken der Menschen richtet“. In Hebräer 4:12-13 oder Lukas 12:2 lesen wir, dass Gott alles offenbart und zur Rechenschaft zieht. Wie viel können wir also von einem anderen Menschen verstehen? Und gibt es etwas Problematisches an diesem „unschuldigen“ Verstehen wollen?
Dort, wo dieses Streben unserem persönlichen Schutz dient, wird es unser Zufluchtsort. Wenn unser Wunsch, andere zu verstehen, zur Grundlage dafür wird, ob wir ihnen vertrauen, sie lieben, schätzen oder achten, dann ist möglicherweise etwas schiefgelaufen. Wir beginnen sogar, dies auch mit Gott zu tun: Wenn ich Ihn nicht verstehe, kann ich Ihm nicht vertrauen! Es gibt noch andere Früchte, die sich aus diesem Streben ergeben (die ich hier nicht weiter ausführen kann).
Da die Psychologie immer beliebter geworden ist, haben wir diese Populärpsychologie unbewusst übernommen und nutzen sie für unser Bedürfnis, andere verstehen zu wollen. Wir geben dem Verhalten anderer schnell Namen. Mit Einfühlungsvermögen verstehen (behaupten) wir, warum andere tun, was sie tun, und meine Erfahrungen mit ihnen könnten möglicherweise dadurch erklärt werden. Dabei machen wir andere zu Opfern ihrer Vergangenheit.
Andernfalls haben wir eine Meinung über die Motive anderer, die man mit verständlichem Grunde befestigt. Eventuell werden diese „Nächsten“ sogar zu einer Art „Monster“ in unserem Herzen und wir vermeiden zunehmend die Begegnung mit ihnen.
Beides, sowohl das Verständnisvolle als auch die Mißachtung, läuft auf eines hinaus: Wir (ver)urteilen/behaupten! Wir urteilen, indem wir das Herz des anderen „verstehen“, welches wir in der Tiefe gar nicht verstehen können. Könnte es sein, dass wir mit voreiligen Urteilen zu kämpfen haben, weil unser Hunger nach Verständnis nach Befriedigung verlangt? Unbewusst suchen wir nach Geborgenheit, nach Erklärungen und nach Schutz.
…Diese Erfahrung hilft, die Welt um sich herum zu akzeptieren,…
In unserer Arbeit werden wir täglich mit dieser Thematik konfrontiert. Kinder haben den Wunsch, Dinge zu verstehen. Sie lieben es, nach dem „Warum“ zu fragen, und brauchen altersgerechte Antworten. Sie müssen auch lernen, dass es Dinge gibt, die schwierig sind und nicht verstanden werden können. Hilfe, wie werden die Kinder das nur überleben? Das fragen wir uns vielleicht. Dies sind besondere Gelegenheiten, die das Herz des Kindes auf das Leben vorbereiten. Zeige ihnen, wie Du als Elternteil oder Erziehungsberechtigter mit den verwirrenden Dingen umgehst, die Dir oder in Deiner Umgebung widerfahren, ohne alles zu erklären und doch den Frieden zu bewahren. Die große Frage nach dem Schmerz wird gestellt und einer Antwort darauf wird gegeben. Diese Erfahrung hilft ihnen, die Welt um sich herum zu akzeptieren, ohne sie zu analysieren oder die Hoffnung zu verlieren.
Was passiert, wenn diese liebevolle Bezugsperson nicht da ist? Dann sucht das Kind nach Wegen, um zu überleben. Es entwickelt in seinem Herzen Strategien, um sich sicher zu fühlen, zu wissen, wie es sich verhalten soll, und sich auf seine Umgebung vorzubereiten. Wenn das Kind dazu nicht in der Lage ist, passieren große Dinge in seinem Herzen – eine Implosion der Resignation oder eine Explosion der Aggression.
…Es verursacht viel Unruhe in Beziehungen,…
Vielleicht erkennst Du hier einige der Konzepte, die wir in unseren Lehren behandeln. Die unbewusste Interpretation der Motive anderer führt zu „bitteren“ Wurzeln. Wenn wir von allerlei populären Psychologie oder spirituellen Prinzipien von Ursache und Wirkung hören, wie zum Beispiel „säen und ernten“, wird uns ein großes Repertoire an Argumenten an die Hand gegeben, um andere zu „verstehen“. Ich glaube, dass dieser Wunsch sich in eine problematische Dimension entfesselt hat. Es verursacht viel Unruhe in Beziehungen, es gibt wenig Raum für allmähliche Offenbarung der Herzen durch wachsende Beziehungen und Konfliktlösung. Es ist, als würde ein Teil von uns nach der (behaupteten) Wahrheit greifen, ohne darauf zu warten, dass sie uns gegeben wird. Wir betrachten unsere Interpretation als unseren Schutz. Wir versäumen es, dem Heiligen Geist Raum zu geben, um uns in Zeiten der Verwirrung und Unsicherheit zu halten und zu trösten. Wir verpassen Seine Korrektur oder Seine Warnungen. Vergeblich versuchen wir in unserem Verständnis eine Ruhe zu finden.
Paulus ermahnt uns:
Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.
Und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus! Phil. 4,6-7
…Das Ziel ist nicht das Verstehen, sondern die Begegnung…
Verständnis ist eine Gabe. In den Sprüchen werden wir dazu ermutigt, Verständnis zu erlangen, aber immer in Verbindung mit der Furcht des Herrn, die der Anfang der Weisheit ist. Wenn wir uns in unserer Versuchung alles zu verstehen, vom Heiligen Geist leiten lassen, haben wir den besten Begleiter an unserer Seite. Er zähmt diese Neigung zum Nachdenken und Verstehen – wenn wir es ihm erlauben. Wir müssen uns aktiv von dieser entfesselten Kraft zurückziehen und in vielen Bereichen unsere verwundbare Unsicherheit und Unklarheit annehmen, und den Trost Christi empfangen. Das Ziel ist nicht das Verstehen, sondern die Begegnung.
Zu diesem Thema gibt es viel zu sagen. Wir haben den Bedarf, von unserer eigenen „Vernunft“ befreit zu werden, um diese Ruhe zu finden. Vieles in diesem Bereich wird im Rahmen der Schulen und Ausbildungen thematisiert, die wir im Elijah House anbieten. Zunächst aber bete ich, dass Du mit der kommenden Adventszeit, zunehmend den Frieden durch die Gegenwart Gottes erfahren mögest, jenen Frieden, den ein Kind in den liebevollen Armen seiner Eltern erlebt.
